Anna Jermolaewa

Zentrale Themen in den Videoarbeiten der russischen Künstlerin Anna Jermolaewa - die mittlerweile zum Shooting Star der jüngeren österreichischen Kunstszene avancierte - sind die funktionalen Strukturen von Gesellschaft, ihre sozialen Beziehungsabläufe und alltäglichen Gewohnheiten. Immer wieder geht es um ein quasi-existentialistisches Geworfensein, um Subjekte/ Objekte im Netzwerk von diskreten Agenten der Machtausübung, die selbst nicht erkennbar und benennbar werden. "Viele meiner Arbeiten handeln von Manipulation", sagt Jermolaewa. "Wer oder was manipuliert, bleibt dabei fast immer außerhalb des Bildfeldes. Die Machtmechanismen, die ein Individuum heute beeinflussen oder lenken, werden immer feiner und unsichtbarer!" Anna Jermolaewa wurde 1970 in Leningrad/St. Petersburg geboren und als 18jährige wegen "antisowjetischer Unitriebe" angezeigt, weil sie sich in einer Samisdat-Zeitung über Lenin lustig gemacht hatte. Sie floh nach Wien, landete im Flüchtlingslager Traiskirchen und wurde schließlich als politischer Flüchtling im Sinne der Genfer Menschenrechtskonvention anerkannt. Diese biographischen Eckdaten haben ihre Kunst geformt: Viele Arbeiten von Jermolaewa - die sich erstmals 1999 mit ihrem Video "Hendltryptychon" auf der Biennale von Venedig einem großen, internationalen Publikum vorstellte - handeln von der Relativität der Werte, von der Instabilität der Existenz und von den geheimen Verführern und Bewegern, die die existentiellen Webmuster im makrosozietären Raum herstellen. Dazu kommt noch die zeitgenössischen Populärkulturen entlehnte Strategie des Loops: Die Wiederholungsschleife als künstlerisches Zeichen für eine Welt, die unter dem Prätext des Sensationalistischen das Immergleiche produziert und die Subjekte unter die immanente Logik einer digitalen Maschinerie zwingt. Doch solche "politischen" Lesarten sind nur eine Bedeutungsschicht, die sich aus dem polysemantischen Werk von Anna Jetmolaewa herauspräparieren lässt.